Geschichte der Juden in Nordhausen

Bereits im Mittelalter bestand in der freien Reichsstadt Nordhausen eine jüdische Gemeinde, die erstmals in der Stadt 1290 genannt wurde. Es ist unklar, ob es schon vor 1290 eine jüdische Ansiedlung in der Stadt gab - möglich wäre es. 1290 bestimmte Rudolf von Habsburg, dass die in Nordhausen wohnhaften Juden dem König Steuern in einer Höhe zu zahlen hätten, die von den Bürgern festgesetzt wurde. Die jüdischen Familien bewohnten um 1300 einige ihnen gehörende Häuser in der Jüdenstraße. Um das Jahr 1324 lag in der Jüdenstraße auch die Synagoge. Außerhalb von Nordhausen befand sich ein jüdischer Friedhof am Frauenberg. Das Hauptgeschäft, von dem die Juden lebten, war der Geldverleih.

Die in der Pestzeit einsetzende Judenverfolgung führte zur Zerstörung der Gemeinde. Nach einer legendenhaften Ausführung wurden die Juden Anfang Mai 1349 auf ihrem Friedhof verbrannt. Der König verschenkte den ehemals jüdischen Besitz an den Reichsvogt von Nordhausen, Graf Heinrich von Hohnstein und Sondershausen sowie an den Grafen Heinrich und Günther von Schwarzburg. Ab 1350 zogen wieder vereinzelt Juden in die Stadt. Die ansässigen jüdischen Familien existierten vom Geldhandel. Jedoch wurde bis Mitte des 15. Jahrhunderts der Geldhandel vom Rat der Stadt untersagt, so dass die Juden zum Pferde-, Tuch- und Leinwandhandel übergingen.

Mit dem Ausbruch der Pestepidemie 1438/39 setzte eine erneute Judenverfolgung ein, die in einer Vertreibung der Juden endete. Doch bereits in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts kehrten einige Juden wieder in die Stadt zurück. Im Jahr 1559 kam es zur wohl endgültigen Vertreibung der Juden aus der Stadt.

Nach einem lang verhängten Verbot der Einwanderung und Niederlassung von Juden gab es erst zu Anfang des 19. Jahrhunderts eine erneute jüdische Ansiedlung in Nordhausen. Zugleich entstand ein jüdisches Gemeindeleben in Nordhausen unter der Herrschaft des Königreichs Westfalen. Im Verlauf entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner steigend, so dass um 1910 ca. 452 jüdische Einwohner in Nordhausen gezählt wurden. Im Verlauf erfolgte der Zuzug von Juden aus den umliegenden Gemeinden wie Ellrich, Immenrode, Sülzhain oder auch Werna. Diese Impulse förderten die Neugründung der jüdischen Gemeinde Nordhausen im Jahr 1813. Nach dem Statut für Nordhausen wurde die Stadt damals in elf Bezirke unterteilt. Die Juden wohnten in den Straßen des vierten Bezirkes, der Königshofbezirk. Dort existierten außerzünftische Tätigkeiten wie Kleinhandel, Geldgeschäfte u. ä., eben ökonomische Aktivitäten, die verstärkt von Juden betrieben wurden. Die bereits erwähnte Jüdenstraße ist eine lokale Räumlichkeit, bei der eine Koexistenz auf dem Wohngebiet zwischen Christen und Juden gelebt wurde. Bis April 1945 herrschte tagsüber in der Jüdenstraße rege Geschäftigkeit. Das war den zahlreichen Einkaufsmöglichkeiten und den Handwerkern geschuldet, die sich dort niederließen. Durch die Auflösung der relativ manifestierten Wohn- und Arbeitsräume, konnten die Juden expandieren und die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt unterstützen. Die Juden lebten also auch außerhalb der genannten Wohngebiete und ließen sich in den Straßen nieder, wo die Wirtschaft für sie von Vorteil war. Auch aus Prestigegründen verlegten sie ihren Wohnsitz in die wohlhabendere Oberstadt. In der Rautenstraße und Töpferstraße siedelten sich in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts zahlreiche Geschäfte von jüdischen Gläubigen an. Bis in die 1930er Jahre hinein hatten jüdische Ärzte, Händler, Rechtsanwälte, Fabrikanten und Künstler einen intensiven Anteil an der wirtschaften und kulturellen Entwicklung des Nordhäuser Stadtbildes. In diesem Kontext wird ersichtlich, dass es eine Ghettoisierung oder ein Ghetto nicht gab. Das jüdische Leben und Wirken war Mitten im Stadtalltag. Jüdische Geschäfte, Gemeindehaus, die Schule – später Religionsschule, der Friedhof waren in das Nordhäuser Stadtbild integriert.

Im Zuge des erstarken des Humanismus, der Nationalbewegung und der fortfahrenden jüdischen Emanzipation bildeten sich jüdische Vereine, die verschieden Aufgaben in der Wohltätigkeit, Wohlfahrt, Bildung, Kultur und Religion wahrnahmen.

Zu Beginn der NS-Diktatur lebten rund 438 jüdische Personen in der Stadt. Infolge des wirtschaftlichen Boykotts, der Entrechtung und Verfolgung wanderten viele Nordhäuser Juden aus. Ende Oktober 1938 folgte die Abschiebung einiger Juden nach Polen. In der Reichspogrom-Nacht im November 1938 mündete der NS-Terror im Anzünden und Schänden der Synagoge und jüdischer Geschäfte und Wohnungen. Über 100 Männer, Frauen und Kinder wurden in das Gefängnis und in den Siechenhof getrieben. Am 10. November 1938 wurden 67 Männer in das KZ Buchenwald verbracht. Bis zum Beginn der Deportationen konnten rund 180 jüdische Einwohner noch rechtzeitig nach Palästina und in die USA emigrieren. Anfang 1942 lebten 72 Juden zwangsweise in "Judenhäusern", die sich u.a. in der Arnoldstraße 5 und 17, Sandstraße 12, Töpferstraße 25, Karolingerstraße 31, Rautenstraße 16 und Markt 4 befanden. Zwischen April 1942 und März 1943 folgte eine Deportation fast aller jüdischen Einwohner.

Heute hat die Jüdische Landesgemeinde Thüringen mit einem Begegnungszentrum im Thomas-Mann-Haus wieder eine Zweigstelle in Nordhausen.